Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum Tag der Schöpfung

Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum Tag der Schöpfung


# Predigten
Publish date Veröffentlicht am Freitag, 4. September 2020, 21:30 Uhr
Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum Tag der Schöpfung

Berufen Frucht zu tragen, die Bestand hat

Napa Valley brennt: Kakophonie der Schöpfung?

Erst vor wenigen Wochen war es wieder einmal so weit: Kalifornien brannte. In diesem Jahr vor allem im Großraum um San Francisco. Obwohl beinahe 14 000 Einsatzkräfte versuchten die etwa 600 Brandherde zu bekämpfen verbrannten mehr als 4500 Quadratkilometer Land – immerhin ungefähr ein Drittel der Fläche von Schleswig Holstein. Auslöser dieser Brandkatastrophe waren schwere und sehr trockene Gewitter, bei denen mehr als 12 000 Blitze gezählt wurden, die in Häuser, Bäume oder den Boden einschlugen.

Mit am schlimmsten Betroffen ist Napa County, indem das Napa Valley, eines der besten Weinbaugebiete der Erde liegt. Unzählige Pflanzen verbrannten. Allein an die 700 Gebäude im Weinbaugebiet. Der Schaden? Kaum zu beziffern!

Eine Naturkatastrophe. Naturkatastrophen hat es immer gegeben. Davon zeugt nicht zuletzt die Tatsache, dass die Sintfluterzählung ihren Platz bereits ganz am Anfang der Bibel gefunden hat.

Dennoch: Gerade auch die diesjährigen Wald- und Buschbrände in Kalifornien belegen, was eigentlich kein ernstzunehmender Wissenschaftler mehr in Zweifel zieht: Es hat sich verändert. Langsam aber sicher werden die Katastrophen größer, heikler. Und zwar, auch da besteht ziemliche Einigkeit, proportional dazu, wie sehr wir die Harmonie mit der Natur verloren haben. Wir müssen zurückfinden zum Einklang mit der Schöpfung. Müssen wieder verstehen, dass wir als Menschen nicht mehr und nicht weniger sind, als ein Teil von Gottes wunderbarer Schöpfung.

Weinklang… Ich habe euch berufen hinzugehen und Frucht zu tragen, die bleibt.

Wein oder Bier?

Landau in der Pfalz, die größte Weinbaugemeinde in Deutschland, wo der Entwurf für den ökumenischen Schöpfungsgottesdienst in diesem Jahr herstammt, ist weit weg von mir und meinem Leben. Und Napa ist noch weiter, aber da war ich immerhin schon mal. Ich trinke ganz gerne mal ein Glas Wein. Wein ist -biblisch formuliert - dazu da, des Menschen Herz zu erfreuen. Klar, er ist ein wunderbares Schöpfungsgeschenk. Ein Zeichen von Gottes Zuwendung zu seiner Schöpfung.

Aber dass das meine unmittelbare Lebenswelt ist, kann ich nicht sagen. Einfach weil die Begriffe nicht zu meinem Alltag gehören. Da bin ich einfach zu Norddeutsch. Und kommt mir jetzt nicht mit Rotspon. Den MACHEN wir ja nicht.

Jedes Mal, wenn ich die Worte aus dem Johannesevangelium lese, muss ich erstmal sortieren: was genau ist nun der Stock? Was genau sind die Reben? Wie war das noch gleich mit den Pfropfreben?

Für mich hätte Jesus da ein anderes Bild wählen können, das mir eingängiger wäre: Ich bin die Schwarzbunte, ihr seid das Euter; Ich bin das Deichschaf, Ihr seid die Wolle. Ich bin das Marzipan, ihr seid das Mandelmehl…

(Oder vielleicht sogar ganz in die Gegenwart übertragen: Ich bin das Facebook, ihr seid die accounts. Ich bin das MacBook, ihr seid die Keyboardtasten.)

Klar ist, dass es sich um ein Bild handelt, indem die Menschen als Teil eines größeren verstanden werden. Christus ist der Weinstock, ohne den die Reben nicht leben könnten. Und wir sind die Reben, ohne die der Stock zwar noch Stock wäre, aber seine Bestimmung nicht erfüllen könnte. Ohne Reben würde der Stock keine Früchte tragen. Weinstock und Reben sind auf einander bezogen. Stehen in einer unauflöslichen Verbindung miteinander.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Im Einklang miteinander

Und dann ist da immer noch dieses kleine Wörtchen „Ihr“. Nicht du. Wir. Nicht ich.

Ihr. Und zwar Ihr alle. Nicht ihr Lutheraner, nicht ihr Katholiken, nicht ihr Reformierten, Mennoniten, Freikirchliche. Wir. Alle.

Gleichsam unterschiedliche Härchen von Wolle, aber am gleichen Schaf. Und es braucht jedes Haar, damit dem Schaf warm ist. Das am Kopf ist nicht besser als das am Po (auch wenn ich trotzdem glaube, dass am Kopf ganz lutherische Wolle wächst).

Christus ist wie EIN Deichschaf mit ganz viel Wolle. Wie EIN Leib mit vielen Gliedern. Wie EIN Weinstock mit vielen Reben. Für einen guten Pulli braucht man die ganze Wolle, ebenso wie ein Körper, der nur aus Beinen besteht, nicht sehr funktionstüchtig ist und der Weingärtner aus nur einer Rebe keinen Wein keltern kann.

Nur wenn wir als christliche Menschen über die Gemeinden und über die Grenzen unserer Konfession hinaus das begreifen, werden wir auch füreinander, einstehen. Füreinander und für unsere gemeinsamen Wurzeln unseren gemeinsamen Weinstock. Und nun schau dich einmal um. Diese Vielfalt von Reben, am Weinstock Christi. Ist das nicht Reichtum? Ist das nicht Luxus?

Weinklang… Ich habe euch berufen hinzugehen und Frucht zu tragen, die bleibt.

3 Schmetterlinge

Ich möchte euch ein kurzes albanisches Märchen erzählen:

Es waren einmal drei Schmetterlinge, ein weißer, ein roter und ein gelber. Die spielten im Sonnenschein und tanzten bald auf dieser Blume, bald auf jener und wurden gar nicht müde, so gut gefiel es ihnen. Da kam plötzlich ein Regen und machte sie nass. Sie wollten nach Hause fliegen, aber die Haustür war zugeschlossen, und sie mussten im Regen bleiben und wurden immer nässer.

Da flogen sie hin zur Lilie und sagten: „Gute Lilie, mach uns dein Blümchen ein wenig auf, dass wir nicht nass werden!“ Da sagte die Lilie: „Den Weißen will ich wohl aufnehmen, der sieht aus wie ich, aber die anderen mag ich nicht.“ Der Weiße sagte: „Wenn du meine Geschwister nicht aufnimmst, so mag ich auch nicht zu dir. Wir wollen lieber zusammen nass werden, als dass einer den anderen im Stich lässt.“

Es regnete aber noch länger, und die Schmetterlinge flogen zur Tulpe und sagten: „Tulpchen, mach uns ein wenig dein Blümchen auf, dass wir hineinschlüpfen und nicht nass werden!“ Die Tulpe antwortete: „Dem Gelben und dem Roten will ich aufmachen, aber den Weißen mag ich nicht.“ Da sprachen der Rote und der Gelbe: „Wenn du unseren Bruder, den Weißen, nicht aufnimmst, so wollen wir auch nicht zu dir.“ Und so flogen sie zusammen fort. Aber die Sonne hatte es hinter den Wolken gehört, dass die Schmetterlinge so geschwisterlich zusammenhielten, und sie jagte den Regen fort und schien wieder hell in den Garten und trocknete den Schmetterlingen die Flügel. Da tanzten sie wieder und spielten, bis es Abend war. Dann flogen sie zusammen nach Hause und schliefen fröhlich ein.

Weinklang… Ich habe euch berufen hinzugehen und Frucht zu tragen, die bleibt.

Im Einklang mit der Berufung: Hingehen statt kommen lassen

Soweit so gut. Wir kommen in Einklang,mit der Natur, mit einander und mit uns selbst. Damit kommen wir an dem Punkt, wo wir aufbrechen können und an den Dingen arbeiten, die Bleiben. Was also könnten die Früchte des Glaubens sein, die Früchte dieses unglaublichen Schöpfungsgeschenkes, die wir bewahren wollen, die wir gemeinsam weitergeben wollen. An unsere Kinder, Enkelkinder und alle, die nach uns kommen?

Ich bin überzeugt: So vielfältig wir als Menschen sind, so vielfältig sind auch die kleinen Spuren, die unser Lebensweg in dieser Welt hinterlassen kann. Wir haben alle unsere ganz eigene Berufung, mit ihrem ganz eigenen Wert. Sie zu finden und als Auftrag zu begreifen, ist unsere individuelle Aufgabe. Ebenso, wie diese Gabe, diese Berufung einzusetzen und der Schöpfung zurück zu schenken. Und ich glaube, das klingt jetzt viel größer als es sein muss, wenn wir uns einfach mal klar machen, wie viel Bewegung entsteht, wenn 8 Milliarden Menschen sich nur ein ganz kleines Stück bewegen würden. Alle so wie sie können und es ihnen entspricht.

Und das verbindende Moment gibt es gratis dazu: Denn was das Leben fördert, das schafft ein Weltweites Netz. Die Früchte die zu hegen und pflegen es sich lohnt, schmecken auf süße Weise gleich: nach Liebe, nach Lebensfreude, nach Nachsicht und nach Einklang.  

Weinklang… Ich habe euch berufen hinzugehen und Frucht zu tragen, die bleibt…Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Amen.