Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis


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Publish date Veröffentlicht am Sonntag, 13. September 2020, 00:00 Uhr
Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis

14. n. Trinitatis - Dom zu Lübeck, 13. September 2020 - Lukas 19, 1-10

Liebe Gemeinde,

Die Geschichte vom Oberzöllner Zachäus begleitet mein Leben.

Zuerst, wie alle Kinder es wohl tun, habe ich die Kühnheit bewundert, wie er den Nachteil der fehlenden Größe zu überwinden und den Größeren, den Erwachsenen die Nase zu drehen. Der stellt sich nicht hinten dran und wartet, bis einer ihn vielleicht auf die Schultern hebt. Er hat eine richtig gute Idee: rauf auf den Baum. Der Kleine zeigt den Großen, wie man sich unübersehbar macht.

Später dann richtete sich mein Augenmerk auf die andere Seite des Zachäus: der war nicht nur klein von Gestalt – der war ein Großer unter den Zolleintreibern in der Stadt Jericho, eine der Wirtschaftsmetropolen der damaligen Zeit: Waren wurden gebracht und nach dem Handel wieder hinausbefördert. Und jedes Mal hielt ein Zöllner die Hand auf, kassierte. Und das im Verbund mit der verhassten Besatzungsmacht. Der Zöllner, der so einen Platz ergattert hatte, konnte alles, was er über den Kaufpreis hinaus einnahm, behalten. Das Volk, die täglichen Passanten gehörten zu den Verlierern. Zachäus war so ein sehr reicher Mann geworden. Und nicht eben beliebt bei den Menschen. Aber was sollte es? Man hatte sein Auskommen. Und man soll die Kuh melken, solange sie Milch gibt. Pekunia non olet: Geld stinkt nicht!

Damit stand Zachäus für mich für einen Raubtierkapitalismus, der den Graben zwischen Arm und Reich auf der ganzen Welt immer garstiger werden ließ und lässt. Alles scheint kaufbar, machbar.

Für den Evangelisten Lukas ist diese Spaltung der Gesellschaft ein Thema: Am Anfang seines Evangeliums stehen Jesu Seligpreisungen der Armen: „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer…“ Ihnen werden Freude und Tanz vor Augen gemalt: „Freut euch an jenem Tage und tanzt…euer Lohn ist groß im Himmel…“ Aber neben dem Glanz gibt es auch Hunger, Weinen und Verstoßen-Sein: „Weh euch, ihr Reichen…“, sagt Jesus, der mit seinen Jüngern unterwegs ist hinauf nach Jerusalem. Zöllner und Fischer hatte er um sich. Mit Sünderinnen und Sündern sitzt er zu Tisch. Den Zorn der Etablierten und Mächtigen zieht er auf sich. Kinder stellt er in die Mitte. Kleine erklärt er für groß, oben für unten. Wie im Vorübergehen verändert sich die Welt: Blasen falscher Sicherheiten platzten und was lange als sicher galt, geriet in Bewegung. Zuletzt hatte er einen blinden Menschen geheilt, bevor er durch das Tor in die Stadt Jericho einzog, wo alle Aufstellung genommen hatten für den Mann, dem ein Ruf vorauseilte, ein Herz für die Schwachen zu haben.

Was seit Kindheitstagen klar schien, wird korrigiert: es geht Lukas mit dieser wunderbaren Geschichte nicht zuerst um Zachäus – nicht um den Kleinen, nicht um den Betrüger; nicht um Reiche, nicht um Mächtige. Es geht um Jesus.

Es geht um ihn, der gekommen ist, „…zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“.

Jesu Geheimnis fängt damit an, dass er losgeht, hin zu den Menschen. Er wartet nicht in einer Audienzhalle auf die Massen, dass sie an ihm vorbei defilieren. Er sitzt nicht in einem Palast oder unter einem Baum. Er macht sich auf den Weg. Er kommt denen nahe, die allein und verlassen sind, ratlos und ängstlich erstarrt. Er bringt die auf die Beine, die sich nicht mehr bewegen konnten. Er sorgt für Neuanfänge bei denen, die längst aufgehört hatten, anzufangen.

Schon lange hatte Zachäus raus wollen aus den Zwängen seines Alltags. Schon lange befriedigte ihn nicht mehr, was er tat. Schon lange quälten ihn Schuldgefühle, und auch die Einsamkeit des Geächteten war nicht unbedingt witzig. Aber bislang war ihm alles versperrt, er war Gefangener seines Erfolges und des gesellschaftlichen Prinzips, das den Starken huldigt und den Großen, Schönen. So war das seit gefühlten Ewigkeiten.

Zachäus begreift Jesus als seine Chance. Er wagt es. Er weiß natürlich: wer sich bewegt, wer Vertrautes hinter sich lässt, riskiert die Macht des Ungewissen, riskiert, für einen Moment den Halt zu verlieren, den ihm sein Reichtum gegeben hatte, ein Gefängnis zwar, aber ein sicherer Ort immerhin.

Klar: er hatte fleißig mitgebaut an dem Goldenen Kalb, am Götzen Mammon; war Teil gewesen der Verratsgeschichte, die schon Mose so furchtbar wütend und entsetzt gemacht hatte; hatte auf Gottes Wort und seine Gebote gepfiffen, sich eingerichtet in der Blase des „Immer mehr“, war erfolgreich getrieben von den freien Kräften des Marktes. Aber: Geld schützt nicht vor Frustration. Was, wenn die Blase platzt? Wo kann ich hin?

Aber nun war Jesus im Anmarsch. Wenn Zachäus etwas verstanden hatte von dem, was Jesus vorauseilte, dann dies: nichts musste bleiben, wie es immer schon war! Und niemand musste bleiben, der er oder sie immer schon war. Wir könnten auch anders!

Zachäus schert aus aus dem Reigen derer, die um das Goldene Kalb tanzen.

Jesus ist da. Und einer traut sich, steigt aus. Und steigt auf den Maulbeerbaum.

Es ist doch ganz einfach. Zachäus möchte sehen. Aber, natürlich: er möchte auch gesehen werden, endlich einmal nicht verschwinden. Einmal Größe zeigen, Würde.

Und dann geschieht das Erhoffte und doch nicht für möglich Gehaltene: „Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf…“ Das ist der Wendepunkt der Geschichte. Jesus streift nicht nur mit seinem Blick den Fan auf dem Baum. Er sieht auf zu ihm, dem Kleinen, dem Betrüger, dem Sünder. Nie war Zachäus das passiert. Dass einer zu ihm aufsieht. Dass er Ansehen gewinnt. Dass er in den Augen des anderen würdig ist und wertvoll. Er, der sich nirgends sehen lassen konnte. Er, dem alle auswichen – nicht nur mit den Blicken. Jesus sieht zu ihm auf. Als gäbe es sonst niemanden zu sehen.

“Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“

Jesus bringt Zachäus in Bewegung – auf den Baum und wieder herunter. Nur bei denen, die murren, bewegt sich nichts. Sie sind stehengelassen, die immer schon wissen, was richtig und falsch ist. Die sich empören über den, der da kommt, zu suchen, was verloren ist. Sie sehen zu, wie die Dinge ihren Lauf nehmen. Wie einer ernst macht mit dem, was sie doch alle glauben: dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Und dass niemand aufgeht in seinen Taten – in den guten nicht und auch nicht in den bösen.

Und nun sitzt Jesus auch noch mit dem an einem Tisch, mit dem niemand etwas zu tun haben will, ums Verrecken nicht. Mit dem Betrüger. Mit dem, der gemeinsame Sache macht mit den Besatzern. Das geht nicht. Das stellt auf den Kopf alles, was uns recht und billig ist.

Zachäus kann sein Glück kaum fassen: Er nimmt Jesus und sein Gefolge bei sich auf. Darunter auch der geheilte Bettler. Reichtum und Armut kommen unter einem Dach zusammen. Jesus macht Gemeinschaft möglich, die zuvor undenkbar war. Alle an einem Tisch versammelt. Die Tischgemeinschaft: ein Bild für die Welt, wie Gott sie meint. Nicht umsonst ist dieses Bild für uns leitend. Und gerade hier im Dom, in dem die sonntäglich gefeierte Tischgemeinschaft der Verschiedenen dazugehört, ersehnt wird, spüren wir, wie durch Corona uns ein Lebensfaden abgeschnürt ist. Und das gilt überhaupt für diese merkwürdige Zeit: das unbeschwerte Miteinander fehlt, Vergewisserung und Nähe – alles Dinge, die helfen gegen Angst und Sorge; Dinge, die orientieren. Umso wichtiger gerade jetzt, einander aufzuspüren, anzusehen: steig herunter, lass uns reden. Kaum raus aus deiner Blase des Protests oder der Verschwörung.

Da sitzen sie im Haus des Zachäus am Tisch. Man erzählt sich. Hört einander zu. Man lernt voneinander. Spürt: die Vielfalt ist Reichtum, nicht Störung. In dieser Gemeinschaft der Verschiedenen, am Tisch der Gast, der es ernst meint mit ihm, seiner Geschichte; zwei, die sich gefunden haben. Zachäus lernt Jesus bei sich zu Hause kennen als einen glaubwürdigen Menschen. Und dieser Jesus ist glaubwürdig nicht, weil er tut, was alle tun, was alle von ihm erwarten. Er ist glaubwürdig, weil er sieht und tut, was notwendig ist, was die Not wendet. Weil er bereit ist, auch das Unerwartete, das Ungewöhnliche zu tun; gegen den Strom der Meinungen den unbequemen Weg zu gehen. Denn bequemer wäre es zweifellos gewesen, sich bejubeln zu lassen. Dieser Zachäus braucht Liebe, weiß Jesus, Geborgenheit und Vertrauen.

Zachäus hört kein Wort der Schelte von Jesus. Er hat einfach Zeit für ihn. Zachäus erfährt vertrauensvolle Gemeinschaft mit Jesus, etwas, was er wohl lange schon vermisst hatte. Sein Leben erscheint in neuem Licht – gerade darum, weil Jesus eben nicht über seine Schuld hinwegsieht, nicht billige Gnade walten lässt, sondern: indem Vertrauen wachsen kann zwischen den beiden, kann Zachäus stehen zu seiner Schuld. „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“

Vergebung ist nicht ohne Buße und Reue. Anders als in seiner Begegnung mit dem reichen Jüngling, von dem Jesus erwartete, alles wegzugeben, was er hatte, um selig zu sein, lässt er nun Zachäus selber die Rechnung aufmachen. Und Zachäus will teilen, was er hat. Und er will vierfach vergelten. Nein, er wird sich nicht ruinieren. Er wird nicht hungern müssen. Er ist Realist, er denkt wirtschaftlich immer noch. Jesus erwartet nicht zu viel. Aber er weiß, dass er Zachäus mehr zumuten kann als anderen Verlorenen.

Nicht das Reich-Sein an sich gerät unter den Weheruf Jesu. Der Umgang mit dem, was einer hat, interessiert ihn: wer viel hat, soll teilen mit denen, die nicht wissen, wovon sie leben sollen. Eine Gesellschaft ist nur so stark, wie sie eine Schwäche für die Schwächsten hat und zeigt.

„…Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.“ Das macht den kleinen Zachäus groß, dass er nicht mehr aufgehen will in dem, was er hat. Er will sein neues Ansehen weitergeben, teilen die neue Freiheit.

Ich finde mich wieder in diesem Zachäus: in dem Kleinen, der schlitzohrig und schlau die Großen überragt; auch in dem, der seinen Nutzen sucht und zieht aus der Welt, wie sie läuft und uns schuldig macht. Es sind ja nicht die Reichen, die die Gesellschaft spalten. Es sind wir, die wir oft unachtsam die Spaltung der Gesellschaft hinnehmen und verstärken; die nicht bereit sind, zu teilen oder herzugeben; die sich eingerichtet haben in ihren Blasen und stolz sind auf das Erreichte. Die wie selbstverständlich sich leisten, was sie begehren. Dabei sind die, die verloren sind und nicht haben, was sie zum Leben brauchen, auch hier vor unserer Tür. Ihnen gilt die Suche Jesu und derer, die ihm nachfolgen. Zu ihnen aufsehen, an ihnen nicht vorüberzugehen: das ist das Amt derer, die sich aufmachen, Jesus zu treffen immer neu. Die Gemeinschaft zu suchen mit denen, die fremd und allein, verirrt oder vertrieben sind. An der Seite zu stehen derer, die den Mut haben, aufzustehen gegen Ungerechtigkeit, Lüge und Verrat, die mutig vortreten, nicht mehr stillhalten und ihr Leben riskieren – wie in diesen Tagen die Menschen in Belarus: durch sie gerät ins Fließen, was erstarrt war und ist unter mächtiger Gewalt.

Die Geschichte des Aufsehens Jesu geht ja weiter – auch wenn wir jammern, dass immer weniger seinetwegen auf Bäume klettern. Aber die Sehnsucht ist groß, gesehen und beachtet zu werden, gehört – und sei die Meinung noch so abstrus.

Und ich darf mich auch wiederfinden in dem Zachäus, der plötzlich angesehen ist. Der heimgesucht wird von dem, der die Liebe ist. Und dem zugetraut ist, das neue Leben, das von Jesus kommt, mit zu gestalten. Wir sind Zachäus – und in Gottes Augen nicht zu klein, nicht zu geringgeachtet, um die großen Probleme der Welt anzugehen. Der da kommt, macht uns groß: „…ich muss heute in deinem Haus einkehren!“ Amen